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Entwicklung des Wingsuitfliegens

Wenn Flugträume Flügel bekommen

Was als Extremsport begann entwickelte sich in den letzten 20 Jahren zum Breitensport – das Wingsuitfliegen. 

von Sebastian Nossing – aus dem Freifall Xpress 4/2013
 

Die ersten Wingsuits gab es bereits in den 20er Jahren, als der Amerikaner Clem Sohn mit selbstgebauten Konstruktionen die ersten Flugversuche unternahm. Seine Flügel bestanden aus einem Kaschmirgewebe, das auf Stahlrohren befestigt war. Über die Qualität und Flugleistung dieser Konstruktion darf aus heutiger Sicht natürlich debattiert werden, aber unbestritten war Clem Sohn damit der erste Vogelmensch. Er kam 1935 ums Leben, als sich sein Fallschirm nicht öffnete.

Den Begriff “Birdman” (in Übersetzung des franz. “l’homme d’oiseau”)  prägte der Franzose Leo Valentin, der nach dem zweiten Weltkrieg mit ähnlichen Flügelkonstruktionen experimentierte. Er verwendete später auch sperrige Flügel aus Holz, um den Kraftaufwand zu verringern und das Kollabieren der Flügel zu verhindern. Er starb 1956 bei einer Fehlöffnung seines Fallschirms.

Der vorerst letzte in einer langen Reihe von Pionieren war der Franzose Patrick de Gayardon, der in den 90ern mit einem revolutionären Konzept an den Start ging. Er verwendete als erster eine RAM-Air Wingsuit, bei der die Flügel ähnlich wie ein Fallschirm aufgeblasen werden. Als er 1998 seine Suit zwischen zwei Sprüngen in großer Eile  änderte, nähte er die Leinen seiner Reserve unabsichtlich an seiner Suit fest. Beim nächsten Sprung kam es zu einer Fehlöffnung und er starb nach dem Abtrennen an einer nicht geöffneten Reservekappe.

Patrick de Gayardon — Grand Canyon © Philippe Fragnol

De Gayardons Erfindung war wegweisend für die weitere Entwicklung. Seine Wingsuit diente als Vorlage für die Birdman Classic, die als erste kommerziell verfügbare Wingsuit 1999 den Weg in den Breitensport ebnete. Die Classic war unbequem anzuziehen, engte die Bewegungsfreiheit mit ihren kleinen Flügeln stark ein und wurde in Standardfarben produziert. Trotzdem war das Interesse der Springerwelt nach kurzer Zeit enorm groß. Ebenso groß waren aber die Vorbehalte anderer Teile der Springerwelt, besonders der Dropzonebetreiber. Nach all den toten Pionieren galt das Wingsuiten als sehr gefährlich und wurde nicht gerne gesehen. Insbesondere der Umstand, dass “BIRDMEN” den Flieger als allerletzte, noch nach den Tandems, verlassen wollten, stieß oft auf starkes Unverständnis und Ablehnung. Jari Kuosma und Robert Pecnik reisten in den ersten Jahren von Boogie zu Boogie, um interessierte Springer in den Gebrauch der Wingsuits einzuweisen, so dass die Sicherheit und der Spaß nicht zu kurz kamen. In Deutschland hat diesen Part überwiegend Rolf Brombach übernommen, der zu den Birdmen und Birdman Instructors der ersten Stunde gehört.

In den frühen 2000er Jahren tauchten also an vielen Plätzen vereinzelt die ersten Birdmen auf. In der Luft war man überwiegend alleine unterwegs, sprang als letzter und genoss Flugzeiten von etwa zwei Minuten. Die Möglichkeit Formationen, sogenannte Flocks, zu fliegen, war wegen der geringen Verbreitung anfangs noch ungenutzt. Erst als sich eine gewisse Anzahl echter Enthusiasten herausgebildet hatte, wurden gegen Mitte des letzten Jahrzehnts auch die ersten „Vogelschwärme“ am Himmel sichtbar. Gleichzeitig gab es auch neue Suits, mit größeren Flügeln, besseren Rückenflugeigenschaften und höheren Geschwindigkeiten. Die Flugzeiten begannen an der Drei-Minuten-Marke zu kratzen. Auch die BASE-Jumper entdeckten die Wingsuits für ihren Sport. Teils um schnell Distanz zum Fels aufzubauen, teils aber auch um lange nahe am Fels fliegen zu können.

Im Jahr 2008 wurde über Lake Elsinore eine slot-spezifische 68er-Wingsuit-Formation geflogen, die erstmals als größte Formation anerkannt wurde. Diese Formation wurde 2012 in Perris mit einem 100er Wingsuit-Diamanten noch übertroffen. Außerdem wurden auch vertikale Formationen erfolgreich geflogen, bis hin zum 25er, und ganz langsam beginnt sich auch eine Art Wingsuit-RW herauszubilden. Die Bewegung vorwärts statt nur abwärts eröffnet dabei neue Herausforderungen und Möglichkeiten, die so im  klassischen RW nicht vorkommen. Zum Beispiel ist es möglich, im Spiegelflug mit nur wenigen Zentimetern Abstand übereinander zu fliegen, da der Luftwirbel nach schräg hinten statt nach oben verläuft. Gedockte Formationen sind eher die Ausnahme, wegen des geringen Bewegungsspielraums der Arme. Ein gutes Augenmaß, gepaart mit der entsprechenden Erfahrung ist gefragt, wenn es darum geht den Slot einzunehmen und zu halten. Auch der break-off verläuft etwas anders, da an keiner Stelle der Formation einfach um 180° gedreht werden darf.

Wingsuit Formation © Lutz Lüdtke

Wingsuit ist immer noch eine junge Disziplin, trotz der weit zurückreichenden Wurzeln. Jünger ist nur noch das Swoopen. Der Popularität ist es zu verdanken, dass die Entwicklung rasant an Fahrt aufgenommen hat, in technischer und fliegerischer Hinsicht. Die Flügelfläche der größten Suits beträgt heute ein Vielfaches der Birdman Classic. Es werden Horizontalgeschwindigkeiten von über 200km/h erreicht und Fallraten von teilweise unter 50km/h, wodurch auch hohe Anforderungen an das navigatorische Können der Wingsuit-Piloten gestellt werden. Flugstrecken von 8-10km, über die Luftraumgrenzen einer normalen Dropzone hinaus, sind nicht ungewöhnlich. Um das Fliegen allein, in einer Gruppe oder in mehreren Gruppen aus einem Absetzflugzeug sicher zu gestalten, ist mehr denn je ein fundiertes Training durch einen qualifizierten Einweiser von Nöten. Es gibt dazu von verschiedenen Wingsuit-Herstellern bereits Trainingsprogramme und auch Coach Ratings. Zu den Zielen der Wingsuit AG gehört es, die Inhalte einer solchen Einweisung im AHB des DFV zu definieren, um die Qualität der Einweisungen einheitlich an einen Mindeststandard zu binden. Diese Einweisungen sollen dann durch – vom DFV anerkannte – Einweiser erfolgen.

 

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