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200er Rekord 2008, Eloy (USA)

Deutsche 200er Formation in Eloy

FFX-Artikel, Ausgabe 1/2009, von Henning Stumpp

 

DIE IDEE

Aufgekommen ist der Gedanken an eine nationale 200er-Formation bereits unmittelbar im Anschluss an die Aufstellung des letzten Rekords. Denn wenn ein 156er möglich war, man die positive Energie der Rekordteilnehmer mitnehmen und dazu einen möglichst handverlesenen Kreis mindestens ebenso fähiger Springer aktivieren könne, dann bräuchte man die Bestmarke nicht in homöopathischen Dosen wie einst Sergej Bubka zu verbessern, sondern vermochte gleich richtig einen draufzusetzen. So oder so ähnlich dachte Dieter Kirsch am Ende des Jahres 2006. Einige Telefonate und Gespräche später stand der Beschluss auch schon fest: Man wolle das „Projekt 200“ angehen.

 

DIE VORBEREITUNG

Bereits im Herbst 2007 glühten die Drähte zwischen Eisenach und Eloy, um die wichtigsten Elemente in der Logistikkette klarzumachen. Ohne Flugzeugpark kein Rekord und ohne gescheites Catering keine gutgelaunten Rekordler – also wurde hier nichts dem Zufall überlassen. Ebenso wenig zufällig war die Auswahl der insgesamt 9 Sektor-Kapitäne hier in Springer-Deutschland. Sie waren für die Rekrutierung ihres Formationsteils zuständig und beschäftigten sich schon frühzeitig mit dem Gedankenspiel, jeden einzelnen genau dort einzusetzen, wo er / sie am besten aufgehoben schien. Dass diese Planungen im Verlauf der Saison mehrfach überarbeitet werden mussten – allein sieben Absagen gingen in der Kommandozentrale der Dädalanten mit der Begründung „Schwangerschaft“ ein – liegt auf der Hand, aber im Großen und Ganzen wurde das Ereignis so professionell angegangen wie noch kein anderes zuvor. Ausschlaggebend waren dabei die vielen Trainingsmaßnahmen, die während der Sprungsaison 2008 von den einzelnen Sektoren auf unterschiedlichen Plätzen durchgeführt wurden. So kannten alle Springer ihre Aufgabe aus praktischer Erfahrung, keiner der Sektoren reiste unvorbereitet an, und vor allem die Basis zeigte sich in einem exzellent Trainingszustand.

 

DIE SICHERHEIT

Eine nicht nur von Außenstehenden häufig formulierte Frage lautet, ob das nicht gefährlich sei, wenn 200 Schirme auf einmal und in unmittelbarer Nähe zueinander aufgehen. In der Tat wäre das gefährlich, und genau deshalb gab es für die Separation ebenso wie für die anderen neuralgischen Phasen der Rekordsprünge akribische Briefings. Das erste bekamen die Teilnehmer in schriftlicher Form mehrere Wochen vor dem Event verabreicht. Sie erhielten ein ausführliches Handbuch mit dem Einmaleins des Rekordsprungs. Wo ist welcher Sektor, welche Absetzmaschine fliegt in welcher Position, wie sieht das Anflugbild aus, was ist die Orientierungslinie, wo befinden sich die Stinger, die Zipper, die Anker oder die Linienspringer, wer bildet die Trackgruppen A, B und C, wer hat welche Funktion innerhalb der Trackgruppe, Antworten auf all diese Fragen wurden ausführlich in Wort und Bild gegeben. Der Schlüssel zum Erfolg war schon erkennbar: Die jeweiligen Aufgaben sind recht einfach und für jeden lösbar, es müssen sich nur alle an den Plan halten. Beim Anfliegen niemanden überholen, während man sich zügig und berechenbar in seine Position begibt. Bei der Separation das Timing und die Richtung einhalten, so dass jeder am Ende ausreichend viel Platz zum Öffnen hat. Zu Schirmfahrt und Landung gab es ein separates Merkblatt, wobei auch hier neben einigen wenigen Besonderheiten viele Selbstverständlichkeiten aufgeführt waren – die Kernbotschaft lautete, dass ein 200er nicht der richtige Anlass für 200 Individualisten sein könne, ihren Drang zur Selbstverwirklichung auszuleben. Die Wüste sei groß, der Boden eben und kein Fußmarsch zu weit – immer schön geradeaus fliegen, dann kommen alle heil an. Doch mit der Schriftform wollten sich die Veranstalter nicht begnügen. Alle Aspekte wurden vor Ort noch mehrfach wiederholt. Kein Tag verging ohne Landebriefing von Pitt Weber, kein Sprung wurde vorbereitet ohne Durchlaufen des Separationsplans, immer wieder appellierten die Sektorkapitäne an die Disziplin ihrer Truppe, und obendrein gab Jürgen „Mahle“ Mühling ein ausführliches Sauerstoffbriefing mit allen relevanten Details zu Höhensprüngen und der Zufuhr von Sauerstoff. Es wurde also viel getan für die Sicherheit aller Teilnehmer. Und nichts davon war zu viel!

 

DER AUFTAKT

Um sich im Laufe des 6. Novembers am Platz in Eloy einzufinden, wählten nicht alle Teilnehmer den direkten Reiseweg. Einige gingen zuvor ins Death Valley zum Reiten, weitere wählten die Cabriofahrt entlang der Westküste, andere bevorzugten wiederum einen Zwischenstopp in New York, um dort live die Präsidentschaftswahl mitzuerleben. Die Hartgesottenen weilten schon ein paar Tage am Platz, um sich den letzten Feinschliff im Tunnel zu holen oder sich beim Sektortraining zu akklimatisieren. Jedenfalls war die Amtssprache im Bent Prop Cafe spätestens ab dem Mittwoch Abend deutsch, und man hatte sich schon bei der Ankunft viel zu erzählen.

Der darauffolgende Tag stand dann zunächst ganz im Zeichen der Eingewöhnung – Einzug in die Unterkunft, Einchecken am Manifest, Auffüllen der Kühl- und Kleiderschränke – bevor am Nachmittag das erste Briefing stattfand. Die 200er Formation war mit Stühlen im Hangar aufgebaut, jeder nahm seinen Platz ein und Chef-Organisator Dieter Kirsch begrüßte alle Anwesenden, um sie gleich darauf hinzuweisen, dass die ganze Angelegenheit wirklich nur dann klappen könne, wenn sich ausnahmslos jeder an die Abmachungen hält. Diese Ansage sorgte überraschenderweise für keinerlei Unmut, sondern wurde wohlwollend aufgenommen, was darauf schließen lässt, dass deutsche Springer beides sind: Springer und deutsch.

 

DIE OUVERTÜRE

Bevor man sich mit mehr als 200 Springern auf einmal in die Luft begeben wollte, war eine 3 Tage umfassende Aufwärmphase vorgesehen. Die Sektoren sollten zunächst jeder für sich, dann mit einem anderen gemeinsam hoch gehen, um dann wiederum mit einem andern Sektorenpärchen zu fusionieren. Zu üben galt es den geordneten Anflug, mit und ohne pre-built-Linien, Lesen der Vorgänge in der Basis und im unmittelbaren Blickfeld sowie immer wieder die möglichst perfekte Separation. Alle designierten Rekordteilnehmer beobachteten dabei an sich selbst die vom Teamchef erhoffte und vorhergesagte Erweiterung des Wahrnehmungshorizonts – von Sprung zu Sprung gewöhnte man sich an die vielen Menschen und lernte die richtige Mischung aus Fokussierung und Weitblick.

 

DIE DURCHFÜHRUNG

Ab Montag, dem 10. November begannen die scharfen Versuche, und da jeder Leser dieser Zeilen den Ausgang der Geschichte kennt, wäre es ohne publizistischen Nährwert, jeden Versuch in aller Ausführlichkeit zu schildern. Die Tagesberichte auf der DFV-Webseite oder auch auf der Homepage des FSC Dädalus vermögen den geneigten Interessenten bei Bedarf nochmals in die Dramaturgie der Ereignisse zu entführen. [Die Tagesberichte sind im Archiv (Menüpunkt aktuell) zu finden, wenn man die News aus dem November 2008 aufruft.]

Wichtig ist hier festzuhalten, dass alle Versuche auf ihre Art tauglich waren und dass keine nennenswerten Vorkommnisse zu beklagen waren, die das Gesamtprojekt in Frage stellten. Jedem war ersichtlich, dass es immer nur einzelne Fehlerchen waren, die mal hier mal da begangen wurden und so den gemeinschaftlichen Erfolg verhinderten. Der Schlüssel zu selbigem lag also wie bereits im Vorfeld kommuniziert darin, alle zur selben Zeit ihre überschaubare und mittlerweile auch zunehmend verinnerlichte Aufgabe erfüllen zu lassen. Keine Motivationshilfe blieb zu diesem Zweck unangewandt – Ansprachen, Lieder, Kampfschreie, Meditationsübungen, rhythmisches Klatschen, kollektive Schlachtrufe, aufmunternde Worte vom Manifest sowie Anfeuerungen durch Fans und Mitstreiter am Boden wurden ausgepackt, um den längst verdienten und allmählich überfälligen Erfolg herbeizuführen. Es wollte und wollte allerdings während der ersten vier Tage und 12 Versuche einfach nicht gelingen – irgendwas ging immer daneben.

 

DAS FINALE

Tag fünf der Versuchsreihe und Tag acht der ganzen Operation war erreicht. Der letzte Tag, den einige eigentlich zum Shoppen oder Sightseeing vorgesehen, andere sogar schon zur Abreise ausgewählt hatten. Zwei, maximal drei Versuche konnte es noch geben, und offenbar war es genau dieses ultimative Ticken der Uhr, das bei allen noch mal das letzte Quäntchen Motivation erzeugte, welches anderweitig nicht zu generieren war. So kam es wie es kommen sollte, nachdem man sich zum dreizehnten Mal mit allen erforderlichen Routinen auf einen Rekordsprung vorbereitet hatte. Es war gar nicht mal der ruhigste von allen Versuchen, aber einfach derjenige, bei dem alle ihren Job machten, alle da waren wo sie hingehörten und zur gleichen Zeit den richtigen Griff nahmen. Im fraglichen Moment konnte gar nicht allen klar sein, dass gerade ein neuer Rekord glückt, und doch, einige waren sich ihrer Sache bereits sicher, entweder weil sie tatsächlich alles haben sehen können (?) oder weil sie einfach das richtige Gespür hatten. Dieses stellten jedenfalls die Piloten unter Beweis (sie konnten keinesfalls alles gesehen haben), indem sie den Platz kurz entschlossen im Formationsflug passierten, nachdem alle Springer gelandet waren. Diese lagen sich teilweise schon in den Armen, wenngleich immer noch ein Rest Unsicherheit zu spüren war. Dieser wurde erst durch Bundesschiedsrichter Wolfgang Thiel beseitigt, der in der Teamhalle der versammelten Rekordlerschar verkündete, dass nach sorgfältiger Inaugenscheinnahme aller Griffe ein mindestens 4 Sekunden lang gehaltener neuer Deutscher Rekord aufgestellt wurde.

 

DIE FEIERLICHKEITEN

Der Jubel war überwältigend und kam von Herzen. Man spürte förmlich die Erleichterung darüber, dass es endlich geschafft war, den individuellen Stolz darauf, dass man seinen Part beigesteuert hatte, vor allem aber die pure Freude daran, gemeinsam etwas bislang Einzigartiges erreicht zu haben. Wo man auch hinsah, die Leute umarmten sich, klatschten sich immer wieder ab und ließen einander Lob und Anerkennung zuteil werden. Die Zapfhähne am Bierwagen wurden sogleich auf Dauerbetrieb umgestellt, doch bevor die Freude trunkenem Siegestaumel weichen konnte, wurde schnell zum Gruppenfoto in schwarz, rot und gelb gebeten. Dass zum Ende des Fotoshootings auch noch die Nationalhymne angestimmt und gemeinsam gesungen wurde, war ganz sicher kein Zeichen von Überheblichkeit oder gar falsch verstandenem Nationalismus, sondern schlicht und einfach der würdevolle Schlussstrich unter eine großartige sportliche Leistung, vollbracht von 200 Springern aus Deutschland.

 

EPILOG

Für alle am Unternehmen 200er beteiligten war der Ausflug in die Wüste ein besonderes Erlebnis, gekrönt durch einen besonderen Rekord. Der Umsichtigkeit aller, vor allem aber auch der professionellen Vorbereitung durch den Dädalus-Staff und die Sektor-Kapitäne ist es zu verdanken, dass es ausschließlich positive Meldungen zu verbreiten galt. Dies wurde im Nachklang zu dem Ereignis in erfreulich großem Umfang getan, indem viele der Teilnehmer, ausgestattet mit der Pressemeldung des DFV sowie mit einem Rucksack voller Emotionen, Erlebnisse und Geschichten, zu ihrer lokalen Tageszeitung marschierten. So ist es gelungen, diese sportliche Vorzeigeleistung nicht nur im Kreise der ohnehin Kenntnisreichen in Szene zu setzen, sondern unseren faszinierenden Sport auch mal wieder positiv ins Blickfeld von Außenstehenden zu rücken, was uns allen nur recht sein kann. Dass es die Dädalanten am Ende auch noch hinbekamen, jedem Teilnehmer eine gleichermaßen originell wie liebevoll geschnittene DVD unter den Weihnachtsbaum zu legen, rundet ihre organisatorische Meisterleistung nachhaltig ab.

 

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