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Foto: Antje Grube

231er Bestleistung 2012, Eloy (USA)

Groß(form)artig

FFX-Artikel, Ausgabe 3/2012, von Ute Vetter

231 - Deutsche Bestleistung

Die Tür der Otter ist nach dem langen Steigflug auf rund 5500 Meter endlich auf, die Floater hängen draußen an der Maschine, die Diver stehen eng verschachtelt bereit. Alle warten auf das Exitkommando per Funk. Der Pilot hat die Maschine gedrosselt. „All or nothing“, sagte er beim Einsteigen. Wir sind über der Wüste von Arizona, jeder nimmt letzte Züge aus dem Sauerstoffschlauch. Exit! Jetzt bloß nicht stolpern, keine Lücke lassen, aber auch nicht drängeln. Ich komme wie die Vorderleute gut raus, stürze sofort in den kopfstandähnlichen Dive-Exit. Es ist jedesmal atemberaubend schön: Man sieht himmelwärts durch die Beine die letzten Diver hinter sich, die silbrig schimmernden Flugzeuge, die Springer aus den anderen Maschinen. Alle peilen in Sekundenschnelle ihre Vorderleute an, die Lage der Basis, die Floater, sie checken den Winkel zur Basis, ihren Abbremspunkt. „Wir sind die Auserwählten“, sagte Christoph Aarns vorhin bei einem seiner seltenen Beschwörungs- und Konzentrationsrituale. Tatsache ist: Nicht viele auf dieser Welt betreiben einen derart grandiosen Sport.

Die Formation aus 233 Springern hat noch nie so ruhig gelegen wie jetzt, sie fühlt sich an wie ein einziger Organismus. Auch die letzten Diver sind kurz vom Docken, niemand ist low gegangen, der Rekord scheint greifbar nahe. Doch da! Plötzlich schieben sich zwei Springer sacht übereinander, dann geht alles ganz schnell, beide gehen low, versuchen noch zu floaten, müssen aber wegtracken. Schon öffnet sich der erste Pullout, die äußeren Tracklinien jagen steil der Erde entgegen. Was bleibt, ist eine deutsche Bestleistung: 231.

So ein Rekordversuch ist kein Kindergeburtstag – das wissen alle 240 aus Deutschland angereisten Springer und Supporter. Etliche darunter, die schon bei den letzten drei Rekorden dabei gewesen waren. Einige mit wenig GroFo-Erfahrung. Doch die Wüste von Arizona „lebt“, zeigt sich gleich nach dem ersten Sprungtag ab Samstag fast drei Tage lang von der ungemütlichen Seite mit Sandstürmen, Regen, Wolkenfronten, Wind und Kälte. Etwa zehn Trainingssprünge fallen aus. „Das passierte ausgerechnet in der wichtigen Anfangsphase der Grundlagenarbeit, wir konnten nicht sauber aufbauen. Ab Dienstag mussten wir alles auf eine Karte setzen, fingen sofort mit einem 100er an“, bilanziert Organisationsleiter Dieter Kirsch vom FSC Dädalus. Für ihn ein ausschlaggebender Faktor: „Nach drei  Tagen Pause war es schwer, die Spannkraft wieder aufzubauen, es war nun mal ein langes Event“. Klar ist: Knapp vorbei ist auch daneben. Der 240er bleibt (vorerst) ein Traum.

Der neue Rekord sollte die bisherigen Bestmarken von 2004 (Dubai, 121 und 122), 2006 (Eloy, 156) und 2008 (Eloy, 200) übertreffen. Doch das Ziel wurde nicht erreicht. Immerhin gelangen mehrere deutsche Bestleistungen: 210, 229 und dann 231 Springer halten die erstmals verwendete Formation aus „Tannenbäumen“. Acht Tage Zeit hatten die Teilnehmer – darunter 78 Frauen – für das ehrgeizige Projekt, doch das Wetter reduzierte das Ganze auf nur fünf komplette Sprungtage. Zuhause fiebern Freunde, Familien und vor allem die verhinderten Springer mit, verfolgen das Geschehen im Internet auf der täglich mehrfach aktualisierten „Dädalus-Live“-Seite, die Martina Fricke und Pitt Weber fleißig betexten und mit Fotos bestücken.

Viele der 240 angereisten Springer investieren einen Großteil ihres Jahresurlaubes und rund 2000 Euro pro Nase für den Rekordversuch. Sie halten sich fit, treiben Sport, lernen das mehrseitige Manual auswendig, gehen früh zu Bett. Jeden Morgen heißt es mindestens um 6 Uhr aufstehen; zweimal gibt es um diese Zeit sogar schon Frühstück im Hangar. Viele kämpfen mit Erkältungen. Die gefürchtete „Eloy-Seuche“ verdanken sie nächtlicher Kälte und täglicher Hitze; auf ausgetrockneten Schleimhäuten breiten sich Viren und Bakterien wunderbar aus. Drugstores werden leergekauft, Nasentropfen und Grippetabletten sind heißbegehrt.

Der Altersdurchschnitt der Teilnehmenden lag bei rund 46 Jahren, die Zeit im Sport bei rund 20 Jahren, die durchschnittliche Sprungzahl bei 3200. Der jüngste Skydiver war 21 Jahre, die zwei ältesten 70 Jahre alt. Bis auf einige Vergrippte und einen Knöchelbruch (harte Landung) absolvierte jeder insgesamt 22 Sprünge. Beachtlich sind die Ergebnisse der deutschen Athleten allemal. Jahrelang hatten sie weltweit die nationale Rekordmarke im Großformationsspringen vorgegeben, bis den Russen im August 2011 eine 201er-Formation gelang. „Die ,Tannenbäume’ sind auch nicht schwerer zu fliegen als die bisher von uns verwendeten Linien“, hält Dieter Kirsch Skeptikern entgegen. Viele neue Rekorde seien auf diese Weise  geflogen worden: So gelang der „Texas State Record“ mit 180 Springern in nur zwei Tagen. Die Russen zauberten einen 180er ebenfalls in nur zwei Tagen. Und auch der Deutsche Damenrekord 2011 (84) gelang mit dieser Formation. Auch an der Arbeitszeit habe es nicht gelegen: „Wir sind aus rund 18.000 Fuß (etwa 5500 Meter) gesprungen – das waren rund 12 Sekunden weniger Arbeitszeit als beim 200er aus 20.000 Fuß. Trotzdem waren wir mehrfach fast komplett“.

Organisator des Rekordversuchs war erneut der FSC Dädalus Eisenach mit Dieter Kirsch, Christoph Aarns, Pitt Weber und Dieter Schwarz. Weitere Sektoren-Captains waren die erfahrenen Cracks Jürgen „Mahle“ Mühling (Take Off/Fehrbellin), Thomas „Spieli“ Spielvogel (EADS), Christoph „Vierauge“  Seibold (Saulgau) und Matthias „Mausi“ Maushake (Kassel) in Zusammenarbeit mit Nachwuchscoach Christian Schäfer, der für Uwe Soppa (Kassel, Bandscheiben-OP) kurzfristig einsprang.  „Mahle“ Mühling lobte vor allem die Harmonie, die Ausstattung samt Infrastruktur, die Teamarbeit zwischen den Sektoren und den Team-Captains. Auch wenn es stressig wurde, sei immer an adäquaten Lösungen gearbeitet worden und habe jeder sein Ego zurückgestellt, um der Sache den Vorrang zu geben. Dieter Kirsch habe sich als genialer Vordenker sowie perfekter Teamchef und Koordinator erwiesen. „Gut war auch, das neue Design zu probieren“, so Mühling. Er sei jedenfalls sehr froh, „auf diesem weltweit seltenen und immer wieder einzigartigen Niveau“ gearbeitet und sich ausprobiert zu haben.

Dieter Kirsch stimmt zu: „Auch wenn uns das Quäntchen Glück für den Rekord diesmal gefehlt hat, haben wir tolle Sprünge erlebt, um die uns andere Nationen beneiden“. Doch an eine Neuauflage denkt er derzeit nicht: „Der Nachwuchs fehlt“.

Thomas „Spieli“ Spielvogel sagt: „Ich fand den Event echt geil. Auch wenn wir diesen Rekord nicht schafften, haben wir sehr viele tolle Sprünge gemacht.“ Es sei schwer zu sagen, woran es schlussendlich gelegen habe: „Zu einem Rekord gehört auch unheimlich viel Glück. Und je größer die Formation, umso größer die Chance eines Nichtgelingens!“. Auch habe das Wetter eine Rolle gespielt. „Ich persönlich glaube, dass wir für diese Art der Formation zu viele schwache Leute dabei hatten. Aber wir haben’s versucht und waren sehr, sehr dicht dran.“

Auch aus Sicht der Videoleute Antje Grube, Tom Müller, Tom Förster, Wolfgang Müller und Fabrice Bertrand war der Rekordversuch eine Herausforderung. Antje Grube, eine der wenigen Frauen in dieser Männerdomäne, sagte: „Eine so große Formation kriegste nicht alle Tage vor die Linse“. Jeder Sprung sei sehr aufregend gewesen, weil alles im Bild sein soll. „Besonders schön ist der Absprung – wir sehen alle Flieger, müssen ja die Exitlines aufnehmen“. Aber alles sei auch sehr anstrengend gewesen, weil täglich zahlreiche Fotos und Video gesichtet und bearbeitet werden mussten, etwa für die beliebten allabendlichen „Best of“-Filme.

Zur wichtigen Fallrate der Formation erklärte Pitt Weber, Chef der Basis-Truppe: „Das 8er-Zentrum mit acht Stingern bestand aus durchweg 100 Kilogramm schweren Menschen, die im Schnitt vier bis sechs Kilogramm Blei mitgenommen haben. Wir haben mit einem Key von vier Leuten gearbeitet, um sicherzustellen, dass der 16er sauber fällt. Die Disziplin der Zipper ließ leider manchmal zu wünschen übrig. Die durchschnittliche Geschwindigkeit des 16ers lag zwischen 192 und 196 Kilometern pro Stunde. Subjektiv betrachtet waren alle Sprünge, bei denen die Basis von außen nicht bedrängt wurde, so flott, dass selbst in der hintersten Reihe der ,Tannenbäume’ niemand Fallratenprobleme hatte“. Zur Kappenkollision zweier Springer nach der Separation am vorletzten Sprungtag erklärt der hocherfahrene Canopypilot: „Diese war bei der geplanten, sehr guten Separationsstrategie aller, inklusive der Videoleute, ein Riesen-Zufall“. Andererseits habe der Rekordversuch wieder deutlich gemacht, dass die modernen Fallschirme während des Öffnungsverhaltens eine extrem hohe Vorwärtsgeschwindigkeit entfalten. So könnten auch vermeintlich große und sichere Abstände im Öffnungsverlauf zueinander sehr schnell wegschrumpfen. „Bei extremem Großversuchen auf konservative Schirme mit geradem, ruhigem Öffnungsverhalten zurückzugreifen macht unbedingt Sinn“, betont Pitt Weber.

Zu guter Letzt sei das Film-Team erwähnt: Sigrun Laste und André Götzmann von der Story House Productions GmbH (Berlin) begleiteten den Rekordversuch. Sie reagierten damit auf eine Pressemitteilung des Deutschen Fallschirmsportverbandes (DFV). Derzeit produzieren sie einen 15 Minuten langen Beitrag für die renommierte Sendung „TerraXpress“, die das ZDF jeweils sonntags um 18.30 Uhr ausstrahlt. Der Rekord-Beitrag unter dem Motto „Hart an der Grenze“ soll voraussichtlich im Juni ausgestrahlt werden. Sigrun Laste sagte dem FFX: „Es war unheimlich beeindruckend, was für eine Leistung zu einem solchen Großvorhaben gehört“. Erst vor Ort sei ihr und dem Kameramann klar geworden, „wie schwer, ambitioniert und vielschichtig“ ein solcher Rekord sei, wie viele Variablen es bei dieser Sportart im dreidimensionalen Raum gebe. „Besonders beeindruckend waren die Dynamik, die rapide Lern- und Erfolgskurve der Springer sowie ihr Teamgeist und Spirit!“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ute Vetter

 

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